Neue Welt(un)ordnung, neue Herausforderungen
Wie verändert sich die internationale Ordnung und was bedeutet das für Deutschland und Europa? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der renommierte Sicherheits- und Terrorismusexperte Prof. Dr. Peter R. Neumann bei einer gut besuchten Veranstaltung in Stutensee. Unter dem Titel „Die neue Welt(un)ordnung – Herausforderungen für Deutschland und Europa“ analysierte der Professor für Sicherheitsstudien am King’s College London die geopolitischen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte und wagte einen Blick auf die Herausforderungen der kommenden Jahre.
Begrüßt wurde Neumann von Tobias Walter und dem CDU-Landtagsabgeordneten Ansgar Mayr. Mayr freute sich über das große Interesse der Besucherinnen und Besucher: „Die weltpolitischen Veränderungen erscheinen oft weit entfernt, haben aber ganz konkrete Auswirkungen auf unsere Sicherheit, unsere Wirtschaft und unseren Alltag. Umso wertvoller ist es, mit einem ausgewiesenen Experten wie Peter Neumann darüber ins Gespräch zu kommen.“
Zum Ausgangspunkt seines Vortrags machte Neumann eine These, die nach dem Ende des Kalten Krieges große Aufmerksamkeit erlangte: Francis Fukuyamas Vorstellung vom „Ende der Geschichte“. Ende der 1980er-Jahre schien der weltweite Siegeszug liberaler Demokratien und marktwirtschaftlicher Systeme für viele Beobachter kaum aufzuhalten. Mehr als drei Jahrzehnte später, so Neumanns Analyse, stelle sich die Situation grundlegend anders dar.
Dabei beschrieb der Sicherheitsexperte drei langfristige Entwicklungen: Das relative Gewicht des Westens nehme ab, während China und weitere Staaten wirtschaftlich und politisch an Bedeutung gewännen. Zugleich verschiebe insbesondere Chinas Aufstieg die internationale Machtbalance. Hinzu komme, dass sich traditionelle Partner des Westens zunehmend eigenständiger positionierten. Die „tektonischen Platten“ der bisherigen Weltordnung, so das Bild Neumanns, seien in Bewegung geraten.
Wie konkret diese Verschiebungen bereits sind, verdeutlichte Neumann anhand aktueller internationaler Konflikte und Spannungsfelder. Er sprach über den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Frage nach einer langfristigen Friedensordnung, über den Konflikt mit dem Iran sowie über China und den wachsenden Druck auf Taiwan. Auch das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten nahm breiten Raum ein. Die USA blieben ein zentraler Partner Europas, gleichzeitig stelle sich zunehmend die Frage, wie Europa bei Sicherheit, Technologie und Wirtschaft eigene Handlungsfähigkeit entwickeln könne.
Besonders eindringlich beschrieb Neumann drei Herausforderungen für Deutschland und Europa: Technologie, Demografie und Allianzen. Bei entscheidenden Zukunftstechnologien habe Europa gegenüber anderen Weltregionen an Boden verloren. Zugleich werde der demografische Wandel die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands erheblich beeinflussen. Als dritten Punkt nannte Neumann die internationale Bündnisfähigkeit. Deutschland und Europa müssten ihre Beziehungen breiter aufstellen und insbesondere in den Bereichen Sicherheit, Digitalisierung, Energie und Wirtschaft ihre strategischen Abhängigkeiten reduzieren.
Dabei warnte der Experte zugleich vor der Vorstellung, Europa könne kurzfristig vollständig unabhängig von den Vereinigten Staaten agieren. Auf die Frage nach mehr europäischer Souveränität verwies Neumann unter anderem auf bestehende Abhängigkeiten bei sicherheits- und geheimdienstlichen Fähigkeiten. Strategische Eigenständigkeit sei deshalb kein Zustand, der sich kurzfristig herstellen lasse, sondern eine langfristige Aufgabe.
Im Anschluss an den Vortrag nutzten die Besucherinnen und Besucher ausgiebig die Möglichkeit, ihre Fragen direkt an Neumann zu richten. Diskutiert wurden unter anderem der Umgang Deutschlands und Europas mit China und Russland sowie innenpolitische sicherheitspolitische Fragestellungen. Die lebhafte Fragerunde zeigte, wie sehr die Veränderungen der internationalen Ordnung auch die Menschen vor Ort beschäftigen.
Peter R. Neumann zählt zu den international bekannten Experten für Terrorismus, Radikalisierung und Sicherheitspolitik. Er lehrt am King’s College London und beriet im Laufe seiner wissenschaftlichen Tätigkeit Regierungen und internationale Institutionen. Mit seinem 2022 erschienenen Buch „Die neue Weltunordnung“ setzte er sich ausführlich mit der Entwicklung des Westens seit dem Ende des Kalten Krieges auseinander.
Zum Abschluss dankte Ansgar Mayr dem Referenten und den zahlreichen Gästen für den intensiven Austausch. „Peter Neumann hat komplexe weltpolitische Entwicklungen verständlich eingeordnet und gleichzeitig deutlich gemacht, vor welchen Entscheidungen Deutschland und Europa in den kommenden Jahren stehen“, sagte Mayr. „Dass sich daraus eine so intensive Diskussion entwickelt hat, zeigt, wie groß das Interesse an diesen Fragen ist. Genau diesen offenen Austausch brauchen wir.“